Samstag, 25. Juli 2015

Tagebuch eines unfreiwilligen Helden-teil 5

13.Mai 2025, irgendwo in Nordafrika, im Morgengrauen

Wahrscheinlich sind wir in Goletta, dem Seehafen von Tunis, das ja nicht direkt am Mittelmeer liegt, sondern am Ufer eines Sees , der es vom Meer trennt. Daher gibt es an der Küste einen äußeren Hafen, und der heißt Goletta. Es in etwa das Selbe, wie Bremerhaven für Bremen.Wir befinden uns in einer Art Lagerhaus in der Nähe des Hafens. Ich nutze das erste Licht, das durch ein kleines Fenster,das weit oben liegt, kommt, für diese Eintragung in mein kleines Tagebuch, das ich immer dabei habe. Sicher kann man sich fragen, warum ich in unserer Lage Tagebuch führen kann, doch es hilft mir, meinen Kopf klar zu halten. Aber wie kommen wir eigentlich hierher? Nun, wir waren auf dem  Hof in der Nähe der französischen Grenze angekommen.

Wir saßen beim Frühstück mit Pierre, Eric, Benoit, sowie dem Hof-Besitzer Kees Heysel, einem gebürtigen Holländer, der den Hof mit seiner Schwester Enie und seiner Frau, einer Französin namens Francine betrieb. Kees war ein groß gewachsener, blonder Mann, Mitte Vierzig, kräftig gebaut, mit Händen wie Schaufeln, und dafür einem gutmütigen Milchbubi-Gesicht mit lebendigen blauen Augen.
„Euer nächstes Ziel ist doch in Italien“, sagte Pierre
„Ja , in der Toskana „, sagte ich.
„Gut, wir haben Gestern Nacht noch mit unseren Französischen Resistance- Freunden gesprochen. Sie bringen euch nach Marseille, und da auf das Küstenschiff eines Freundes, welches er für Gelegenheitstransporte benutzt. er wird euch dann nach Grosseto bringen. Von da sind es dann noch Siebzig Kilometer bis Seggiano. Wir glauben, es ist sicherer so, weil sie mit Sicherheit Bahnhöfe und Flughäfen verstärkt überwachen werden.“

„Und Seehäfen nicht?“, warf Celia ein.
„doch, aber Jean Cosici´s  „Monte Christo“ liegt in einem alten, abgelegenen Teil des Frachthafens. Und falls sie euch auf See kontrollieren, hat er ein paar geheime Räume parat. Er ist nämlich zuweilen auch Schmuggler.“
„Hört sich viel versprechend ein“, kommentierte ich „aber wir haben wahrscheinlich auch keine große Wahl. also gehen wir`s an.“
Nach dem Frühstück fuhren wir  bis zu einem Waldstück. von da ab gingen wir durch dichtes Gesträuch, und hügeliges Gelände. einen Grenzzaun gab es nicht. Irgendwann tauchte ein verwittertes Schild auf, welches angab, das man sich nun auf französischem Boden befand. Pierre sagte, wir befänden uns im nördlichen Ausläufer des Argonner Waldes

Ein weiteres Stück gingen wir noch, bis wir an eine Landstrasse kamen.
Dort stand in einer Einbuchtung, die wohl ein Art Rastplatz darstellen sollte, ein silberner Citöen Typ- H Transporter, an dessen Heck ein langer, hagerer Mann lehnte, der eine alte blaue Jacke, graue Baumwollhosen, und eine Baskenmütze trug. Der Kopf des Mannes war genauso lang und schmal, das Gesicht war faltig und verwittert, und erinnerte an eine Trockenfrucht. Die eingefallenen kleinen, grauen Augen jedoch, wirkten listig und hatten einen jugendlichen Glanz. In dem schmallippigen Mund steckte ein Zigarrenstummel.

„Ah, da seid ihr ja, rief er mit einer Reibeisenstimme. Und das sind unsere Kandidaten?“
Er fasste mich und Celia scharf ins Auge.
„Ja“, sagte Pierre „Wir vertrauen sie euch jetzt an, und wir würden es nicht verzeihen, wenn ihnen etwas passiert.“
„Keine Sorge „ meinte der Alte vergnügt. „Der alte Claude übernimmt die Sache persönlich, und der steht vor euch“, sagte er an uns gewandt und reichte uns eine runzlige Hand mit Fingern, die an Skelettfinger erinnerten.
Er öffnete die Heckklappen des Fahrzeugs
„Dann steigt mal ein. Wir bringen euch erst mal ins Dorf zu unserem Gutshof. Dort gibt`s erstmal n´ kleinen Imbiss, und dann geht´s in ein bequemeres Fahrzeug, mit dem wir euch nach Süden bringen. Am späten Nachmittag werden wir dann wohl in Marseille sein. Seid ihr erstmal auf dem Schiff, gibt’s  ne richtige Mahlzeit.“
Bis dahin war französisch gesprochen worden, das Celia übersetzt hatte. Als er dies mit bekommen hatte, verfiel er in ein gebrochenes Deutsch.
„Hättet ihr das doch gleich gesagt. Ich stamme doch aus dem Elsass, und soviel Deutsch, das ich mich mit euch unterhalten kann, spreche ich alle Mal.“

Es gab einen herzlichen Abschied von unseren belgischen Freunden. Wir stiegen mit unseren Sachen in den Citroen, Claude nahm vorne Platz, und es ging los. Das war so einer der Momente , wo ich dachte ,das das doch eigentlich nur ein Traum sein konnte, doch es war Wahrheit, das merkte ich , als wir in dem Transporter hin und her geschüttelt wurden , und Celia gegen mich fiel. Claudes Fahrstil war recht rustikal, so hielten wir uns aneinander fest, wobei ihre Berührung ein Kribbeln in meiner Magengegend verursachte. Ich hatte noch nicht viel Erfahrung mit Frauen, daher waren das doch ungewohnte Gefühle für mich, zumal ich immer wieder fest stellte , das Celia doch verflixt attraktiv war. Auch jetzt, da sie mich aufmunternd anlächelte .
„Weißt du was, wir können die Fahrt nach Marseilles nutzen, damit ich dir ein bisschen französisch für den Hausgebrauch bei bringe, der Kapitän des Schiffes wird ja wohl auch Franzose sein.“
Ich willigte gern ein. auf der holprigen Fahrt mit dem Citroen wäre es eh nicht möglich gewesen, aber so konnte man die einige Stunden Fahrt zumindest die Zeit sinnvoll totschlagen.

Schließlich bog das Fahrzeug ab, und kam schließlich zum stehen. Der Motor wurde abgeschaltet, und Sekunden später öffnete Claude den Verschlag.
„So, da wären wir“
Wir stiegen aus und streckten die Glieder .Wir standen vor einem großen, alten Backsteingebäude, eindeutig ein Gutshaus. Links und Rechts standen Scheunen, vor denen landwirtschaftliche Geräte standen. Ein Traktor stand vor unserem Fahrzeug.
Claude bedeutete uns, ihm zu folgen, und führte uns ins Haus. Er führte uns in einen rustikal eingerichteten Raum, welcher Küche und Esszimmer zugleich war. Eckbank und Tisch aus rohem Holz standen da auf einem rot gekachelten Fußboden. Im hinteren Teil des Raumes war die Küche. Dort stand an einem Gasherd eine mollige, brünette Frau um die Fünfzig mit freundlichem  Puttengesicht, die gerade Rührei und Schinken briet.

Als sie uns herein kommen sah, stellte sie den Herd ab, und kam mit der Pfanne an den Tisch , auf dem Teller, Tassen, Besteck eine große Blechkanne, ein Steinkrug mit Gurken , ein Laib Brot, eine Salami und ein halber Käse lagen.
Sie stellte die Pfanne auf einen vorbereiteten Untersetzer, dann reichte sie uns mit einem herzlichen Lächeln die Hand. Claude stellte sich als seine Frau Aime´ vor.
Es war eine gesellige Runde, in der wir uns stärkten. Wie Claude, sprach auch Aime gebrochen Deutsch, und als wir schließlich aufbrachen, waren wir ihr so ans Herz gewachsen, das sie uns am liebsten nicht weg gelassen hätte. Aber es war ja nun mal nötig. als wir heraus traten, führte uns Claude zu einer kleinen Scheune. Als er sie öffnete, staunten wir nicht schlecht. Darin stand nämlich ein Citroen DS, Türkis farben mit blauem Dach.

Du liebe Zeit“, meinte ich, als er das Fahrzeug aus der Scheune fuhr.
„Ist so ein Ding nicht ein bisschen auffällig?“
„Iwo. Erstens wissen ja nicht mal, wo ihr seid. Außerdem werden werden wir größtenteils die Landstrasse benutzen und die Autobahn, wo es geht meiden, denn dort werden sie sicher kontrollieren.“
Ich musste ihm Recht geben. Wir verstauten also unsere Sachen im Kofferraum, stiegen ein, und die Fahrt ging los. Im Fond des Citroens saß man wie einer Sänfte. So bequem sitzend, und gestärkt durch Aimes fantastisches Essen begannen wir nun Celias Sprachunterricht, und ich muss sagen, sie war eine gute Lehrerin. Zweimal machten wir für Zehn Minuten Rast, um uns die Füße zu vertreten, zu erleichtern, und in Claudes Fall zu rauchen.

Mit der Zeit beteiligte sich auch Claude am Sprachunterricht. Wir begannen uns auf französisch zu unterhalten. so verging die Zeit, und als wir am Stadtrand von Marseille ankamen, beherrschte ich die französische Sprache so weit, das ich mich leidlich und in den wichtigsten Fragen verständigen konnte, und das wichtigste Verstand.
Es begann zu dämmern, als wir im Hafen ankamen, bei einem Schiff, von dem böse Zungen wohl behaupten würden, es hätte mehr Stunden unter, als auf dem Wasser verbracht.

Es war ein alter Küstenfrachter, bei dem der Lack, dessen vermutlich blaue, Farbe vor Dreck kaum noch zu erkennen war, an vielen Stellen aufgesprungen war,welche notdürftig mit Rostschutzgrund behandelt worden waren. Am Bug konnte man gerade noch in verblichenen Farben den Namen: „Monte Christo“ erkennen. Die Aufbauten des Schiffes befanden sich in einem ähnlich traurigen Zustand. Auch der Kapitän selbst schien, ähnlich wie sein Schiff schon bessere Tage erlebt zu haben.

Er war ein etwa Sechzigjähriger, kleiner, untersetzter Mann mit grauer Halbglatze und einem sonnenverbrannten, scharf geschnittenen Gesicht, in dem als erstes die Hakennase auffiel. Darüber zwei lebhafte wasserblaue Augen. Ein grauer Dreitage-Bart bedeckte den unteren Teil seines Gesichtes. Auf seinem Kopf saß eine uralte, schäbige, blaue Kapitäns-Mütze. Gekleidet war er in schwarzer Hose, ebensolcher Jacke, sowie Blau Weis geringeltem Hemd und abgewetzten, halbhohen Stiefeln.
Seine Mannschaft, ein Bootsmann, ein Matrose und ein Koch, der gleichzeitig auch Maschinist war, waren ähnlich gekleidet wie er, und ähnlich mitgenommen.

Claude und der Kapitän begrüßten sich herzlich, dann zeigte er auf uns: „Das sind unsere Schützlinge, und hier meine Freunde stelle ich euch Kapitän Jean Cosici  vor.“
Der Kapitän reichte uns die Hand, dann sagte er:
“Ich kann der Frau eine eigene Kajüte anbieten, der Junge muss mit in der Mannschaftskajüte schlafen. Du hast aber eine eigene Koje“
„Kein Problem, sagte ich“, und man führte uns zu den Kajüten.
Kurze Zeit später wurden wir in die Kapitänsmesse gebracht, wo wir eine Bouillabaisse serviert bekamen, dazu gab es Wein. Claude aß noch mit, dann verabschiedete er sich herzlich von uns, und sobald er das Schiff verlassen hatte, legten wir ab.

Nachdem wir noch bei ein Paar Glas Wein mit Jean und seiner Mannschaft zusammen gesessen hatten, gingen wir schlafen.
Mitten in der Nacht wurde ich durch Lärm an Bord geweckt. Ich erhob mich, stand auf, zog mich notdürftig  an, und ging in Richtung Tür, als diese auch schon aufgestoßen wurde.Ein wild aussehender, kräftiger Mann hielt mir eine Uzi unter die Nase, und herrschte mich in gebrochenem französisch an:“ Los, mitkommen!“
Angstvoll gehorchte ich, und sah, als ich heraus trat, sah ich, das ein anderer, die ebenso notdürftig bekleidete Celia mit einer Pump-Gun vor sich her trieb.

An Deck wurden wir gefesselt und neben den Kapitän und seine Mannschaft gelegt.
„Was sind  das für Leute?“, fragte ich den neben mir liegenden Jean  flüsternd.
„Piraten. Ja, die gibt es hier wirklich. Haben die schön hin gekriegt mit ihrer merkwürdigen Politik Wenn ich mich nicht irre, kommen die aus Nord-Afrika.“
„Und was machen die mit uns“ ,fragte Celia, die sie neben mich gelegt hatten, so dass ich zwischen ihr und dem Kapitän lag.

„Kommt drauf an, entweder sie töten uns, oder sie verkaufen uns als Sklaven. Ja, seit dem großen Krieg gibt`s auch das wieder.“ Er wandte sich an Celia:
„Du hast gute Chancen auf letzteres. Gibt bestimmt n´ Scheich, der gut für dich bezahlt“
„Oh jetzt bin ich aber so was von beruhigt“, meinte sie lakonisch. Der Kapitän lachte leise
„Schön, das ich dich erheitern konnte, aber erst werden sie uns zu ihrem Schlupfwinkel bringen. Ihrer Aussprache des französischen nach, würde ich auf Tunesien tippen.“


Wir fuhren fast die ganze Nacht hindurch. Irgendwann legten wir schließlich an, Unsere Kerkermeister lösten unsere Fußfesseln und schufen uns in jenes Lagerhaus, indem wir uns jetzt befinden, und wo ich diese Zeilen schreibe. Doch jetzt muss ich erst mal wieder Schluss machen, denn ich höre Schritte. Sie kommen.Nun wird sich unser Schicksal entscheiden… 

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