Sonntag, 15. November 2015

Jan-aus dem Reich der toten-Teil 4


„Kommt, nach Oben“, sagt Martin, und man hört den Kloß in seinem Hals „Und dann rufen wir die Polizei.“
Unsicher gehen wir wieder hoch. Oben im Erdgeschoß fischt Martin sein Handy aus der Tasche und tätigt den schon angekündigten Anruf.

Wenig später wimmelt es im Haus von Polizei, Kriminaltechnikern und der Gerichtsmedizin. Sie haben Scheinwerfer mitgebracht, die alles in etwas grelles Licht tauchen. Da wir angewiesen wurden, auf die Kripo zu warten, die eventuell noch Fragen an uns hätte, haben wir uns im Salon ein Paar der alten Sitzmöbel frei gemacht, und warten hier.

Es dauert beinahe eine halbe Stunde , bis ein kleiner, hagerer Mann den Salon betritt, der mit seinem schäbigen hellen Trenchcoat, den dunklen Haaren, und den aufmerksamen, leicht schielenden blauen Augen frappierend an Columbo erinnert.

Er stellt sich als Hauptkommissar Lohmann von der Kripo Bremen vor.
„Sie haben also die Leiche da unten aufgefunden. Darf ich fragen, was sie hier in diesem Haus gesucht haben. Sie wohnen ja sicher nicht hier“
Wir sehen kurz einander an, dann beginnt Martin zu schildern, was uns hierher geführt hat.

„Hanseaten- Columbo“, wie ich ihn innerlich getauft habe, hört aufmerksam zu, wobei sich sein Mund zunehmend öffnet. Schließlich nickt er, und man sieht ihm das ungläubige Staunen an.
„Nur das ich das richtig verstehe. Sie haben also diesen Zettel in einem Buch gefunden, der sie auf die Spur eines über Fünfzig Jahre zurück liegendes Verbrechen geführt hat, und haben hier nach spuren gesucht? Das klingt nach ´nem spannenden Roman. Aber gut, nehmen wir an, das ist die Wahrheit, haben sie was gefunden.“

„Ja, die Leiche“, gebe ich lakonisch zurück, „Aber ansonsten nichts. Lässt sich schon sagen wer der oder die Tote ist?“
„Es ist ein Er“, gibt der Kommissar zurück. Eigentlich sollte ich ihnen das nicht sagen, aber  an einem mord gibt es wohl keine Zweifel. Der Gerichtsmediziner meint, er ist schon ein paar Monate tot. Die besondere Luft im Keller hat den Verwesungsprozess verlangsamt.
Was interessant ist: Sein Gesicht wurde zerschlagen, das Gebiss zertrümmert, und die Fingerkuppen abgeschnitten. Der Mörder wollte offenbar die Identifizierung verhindern. So ist alles, was man bis jetzt sagen kann, das es sich um einen Mann zwischen Sechzig und Achtzig Jahren handelt. Wir werden also zunächst einmal die Vermisstendatei durchgehen müssen.“

„Leider können wir ihnen da auch nicht weiter helfen“, sagt Martin „haben sie sonst noch Fragen?“
„Für´s Erste nicht mehr. Sie müssten der KTU aber noch Fingerabdrücke und Speichelprobe geben, zu Vergleichszwecken, weil sie ja ohne Zweifel spuren hier im Haus hinterlassen haben, und wir hier erstmal alles gründlich durchsuchen müssen.“

Wir befolgen also, was Hanseaten- Columbo gesagt hat, geben den KTU- Mitarbeitern, was sie brauchen, und gehen.
Draußen vor dem Haus klingelt Martins Handy. Er nimmt ab, meldet sich, und hört ein paar Minuten zu, dann sagt er:
Moment, Moment mal Fred, ganz ruhig! Komm erst mal runter…Aha, Heute Abend noch? Nein du hast Recht. Ich bring ´eben meine Freunde nach Hause, dann komme ich.“

„Was ist?“, fragt Adele
„Das war Fred, mein Freund bei der Zeitung. Er hat noch ein paar Recherchen zur Familie Dijsterkamp angestellt, und ist auf etwas gestoßen. Er meint, wenn das stimmt, was er herausgefunden hat, könnten wir da etwas unfassbaren auf die Spur gekommen sein. Er will sich noch Heute Abend mit mir treffen. Ich bring euch jetzt nach Hause, und dann fahr ich hin. Ist besser, wenn ich allein hin gehe. Ich geb´ euch dann Bescheid.“

Es dauert bis Montagabend, bis wir wieder von Martin hören. Den Tag verbringe ich auf der Arbeit. Wieder Spätschicht. Die Arbeit in der Schadstoffannahme geht relativ gut von der Hand, oder ginge, wenn ich nur nicht so nervös und fahrig wäre. Das fällt auch Rosi auf, die mich schließlich anspricht. Ich beschließe also ihr die ganze vertrackte Geschichte zu erzählen, von der Tagebuchseite bis zum auffinden der Leiche. Sie hört mit großen Augen zu, und sagt dann:
„So, du spielst also in deinem Urlaub Detektiv. Nur wenn jetzt Leichen auftauchen, wird es doch gefährlich. Vielleicht wäre jetzt der richtige Zeitpunkt auszusteigen.“

Irgendwie kann ich ihr nicht widersprechen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es jetzt noch möglich ist, aus der Sache raus zu kommen.
Gegen Sechzehnuhrdreissig bekomme ich dann eine SMS von Martin:

Bin erst jetzt in der Lage dazu. Fred ist tot .Ermordet. Jemand hat ihn über den Haufen gefahren. Laut Gerichtsmediziner ist er nochmals Rückwärts über ihn gefahren. Als ich am Treffpunkt ankam, war schon tot. Müssen uns die Tage noch mal sehen, und bereden, ob wir überhaupt noch weiter machen .passt auf euch auf!

Ich habe das Gefühl, das mir der Boden unter den Füssen weg gezogen wird. Mir ist schwindlig, und ich versuche mich aufrecht zu halten. So schlecht ist mir. So bleibe ich erst mal  am Schreibtisch im Arbeitsbereich sitzen.
Ich atme ein paar Mal tief durch, dann erhebe ich mich, und gehe hinaus. Auf dem Annahmetisch hat jemand eine Schachtel abgestellt, die ein braunes Glas enthält. Das Totenkopf-Zeichen die Warnung:„giftig“ klebt auf der einen Seite. Auf der anderen ein Etikett mit der Aufschrift: Kaliumcyanid“

Oha, etwas besonders gefährliches .hochgiftig. Nicht mit Säure zusammen kommen lassen, sonst wird Blausäuregas frei gesetzt. Als ich das glas in die Schachtel zurück stecken will, stelle ich fest, das sich noch ein Zettel darin befindet. Ein Beipackzettel? Lesen sie die Packungsbeilage…, kommt mir in den Sinn. Ich falte den Zettel auseinander, und bekomme zum zweiten Mal weiche Knie. Ich lasse mich auf den Schreibtischstuhl zusammen, lege den Zettel auf den Schreibtisch, und lese noch einmal fassungslos:
Lassen sie die Vergangenheit ruhen, oder soll noch Jemand sterben?...


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